Reflektiert oder absorbiert die Haut? Was bewegt sich unter ihr? Wie erscheint Lebendigkeit in einer Zeichnung, die als solche statisch bleibt?
Die folgende Reihe ist eine ästhetische Erforschung der Grenzen zwischen Körper und Umwelt, bei der auch Vorbilder mit einbezogen wurden.
„colore delle pelle“
Akt und Körper



























ausgewählte Zeichnung

n.n.; Federzeichnung
20 x 20 cm, 2004
xxx
(C.M.)
„il colore della pelle“ von C.L.
Diese Serie von Federzeichnungen steht in engem Zusammenhang mit dem Lateinamerika-Aufenthalt des Künstlers in Montevideo und entstand kurz nach der illustrierten Borges-Novelle „Emma Zunz“. Sie umfasst verschiedene kleinformatige Zeichnungen, ausgeführt mit gewöhnlicher Feder und Holzbeize auf heißgepresstem, rosa eingefärbtem Aquarellpapier — entstanden im privaten Atelier des Künstlers im alten Bahnhof sowie in Martin Verges Studio.
Die Wahl des rosa Aquarellpapiers ist kein formaler Zufall, sondern eine bewusste konzeptuelle Entscheidung. Rosa steht für Haut — es ist die Farbe des menschlichen Körpers selbst. Indem der Künstler auf rosa Papier zeichnet, wird der Bildträger zum Fleisch, zur Oberfläche, die bereits vor dem ersten Strich lebt. Hinzu kommt ein pragmatischer Ursprung: Rosa war das günstigste verfügbare Papier — und gerade aus dieser materiellen Bescheidenheit erwuchs eine tiefere Bedeutung. Zudem ist der Kontrast zwischen der schwarzen Holzbeize und dem rosa Grund weniger scharf und weniger eindringlich als jener auf weißem Papier, was dem Werk eine gedämpfte, körpernahe Stimmung verleiht.
Inspirationsquellen der Serie sind die Fantasie des Künstlers und seine Faszination für die kunsthistorischen Abbildungen in Kenneth Clarks Buch „Das Nackte in der Kunst“. Clark bietet darin einen tiefen Einblick in die Kunstgeschichte des Akts, analysiert die vielfältigen Haltungen der Künstler zu diesem Thema und beleuchtet dessen religiös-kultische sowie zahlenmythische Hintergründe. Eine weitere wesentliche Inspirationsquelle ist das bemerkenswerte kulturgeschichtliche Museum in Montevideo, in dem Migranten aus allen Teilen Europas Replikate von Artefakten ihrer Kulturgeschichte — von der Prähistorie bis in die Neuzeit — geschaffen haben.
Kankas Interesse gilt der Gestaltung der Körper, ihren ausdrucksstarken Posen und Bewegungen. Der Künstler entwirft intime Interieurs — Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gärten —, in denen Familienleben, Freundschaft und Erotik selbstverständlich nebeneinander bestehen. Die Emotionen treten in den Gesichtern einzelner Figuren deutlich zutage: in dem der schlafenden Frau ebenso wie in jenem des kopfüber stürzenden Mädchens, das aus einem surrealistischen Wald oder einem Mikrokosmos der Körper zu fallen scheint. Perspektive und architektonische Raumgestaltung treten dabei weitgehend in den Hintergrund — einzig in der letzten Zeichnung, die einen Mann, womöglich ein Selbstporträt, und eine junge Frau zeigt, rücken geometrische Struktur und Perspektive wieder in den Vordergrund und werden zu eigentlichen Protagonisten der Szene.
In den Gesichtern der Figuren dieser letzten Zeichnung zeigt sich Kankas charakteristisches Stilmerkmal der eng zusammenstehenden, leicht zugekniffenen Augen — ebenso wie seine tiefe Auseinandersetzung mit der kubistischen Kunsttheorie und Raumanschauung des Kritikers Carl Einstein (C. Einstein, „Die Kunst des 20. Jahrhunderts“, 1926).
