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Die Erzählung ….

Camera obscura

(Unter Benutzung einer Passage aus H. G. Wells‘ »Zeitmaschine«)

Die Felsen um mich waren von harter rötlicher Farbe, und alles, was ich zunächst von Spuren des Lebens sah, war die intensive grüne Vegetation, die jeden vorspringenden Punkt auf der südöstlichen Seite bedeckte; es war dasselbe reiche Grün, das man am Waldmoos oder an Höhlenflechten sieht: an Pflanzen, die wie diese in ewigem Zwielicht wachsen. Das Meer erstreckte sich weit nach Südwesten und hob sich zu einem scharfen hellen Horizont gegen den blassen Himmel. Ich sah keine Brandung und keine Wellen, denn es regte sich kein Windhauch. Nur ein leichtes, öliges Schwellen stieg und fiel wie ein sanftes Atmen und zeigte, daß das ewige Meer sich noch bewegte und lebte. Und den Rand entlang, wo sich das Wasser bisweilen brach, lag eine dicke Salzinkrustation – rosig unter dem lichtfarbenen Himmel. In meinem Kopf hatte ich ein Gefühl des Drucks, und es fiel mir auf, daß ich sehr schnell atmete. Dann sah ich, wie sich hinter den Salzverkrustungen etwas erhob und bewegte, die glitzernde Barriere überklomm, ein Mann, das war nun deutlich, in eigentümlich vorgeneigter Haltung, den Rücken unter einer Last gekrümmt. Als er mich bemerkte, hielt er einen Augenblick inne, kam dann aber rasch näher, um in einer mittleren Entfernung stehenzubleiben, den Hut, einen breitkrempigen schwarzen Filz, zu lüften und grüßend durch die Luft zu schwenken. Sein Gesicht bestand in der Hauptsache aus ähnlichem schwarzen Filz, Bart oder dergleichen, so daß kein Mienenspiel abzulesen war. Seine Absicht schien jedoch freundlicher Natur; er beugte sich ungelenk vor, löste zwei Trageriemen an seinen Schultern, richtete sich wieder auf, und man erkannte, wie er vorsichtig die bis dahin geschleppte Last absetzte. Er trat zur Seite: sichtbar wurde eine plumpe Camera obscura auf dreibeinigem Stativ, welche er vordem in standbereiter Position auf dem Rücken herbefördert hatte; das mußte, der ausgezogenen Holzbeine wegen, die seine Schritte behindert hatten, recht unbequem gewesen sein. Er winkte erneut mit dem schwarzen Hut, und gleich darauf drangen seine Worte zu mir: Bleiben Sie ruhig stehen! Schon trat er hinter seinen Apparat, deckte ein ebenfalls schwarzes Tuch über sein Haupt, nachdem er den Hut einfach aufs Salz geworfen, und während ich unauffällig den Bauch einzog und die Brust leicht vorwölbte, die Hand über die Augen legte und eine Pose einnahm, von der ich hoffte, sie würde mich möglichst würdig erscheinen lassen, konstatierte ich, wie die Hand des Fotografen, als umklammere sie einen schmächtigen Hals, am messinggefaßten Objektiv zu drehen und zu würgen begann. Aus den Augenwinkeln blickte ich auf die glänzende Linse, aus der ich einen Sog verspürte, unerklärlich und sich verstärkend, doch während ich noch die naturwissenschaftliche Erklärung dieses Phänomens begrübelte, verlor ich den Halt. Ehe mir klar wurde, wie und was auf welche Art mit mir geschah, hatte ich bereits die Entfernung zum Apparat hinter mir, wobei ich undeutlich mein Zusammenschrumpfen wahrnahm. Unaufhaltsam flog ich gegen eine Fläche, mit der ich mich sofort vereinigte, ohne zu einer abwehrenden Bewegung, zu einer protestierenden Geste fähig zu sein. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Später, völlig flächig und zu keiner Regung mehr in der Lage, wurde ich von unterschiedlichen, mir völlig fremden Leuten betrachtet. Ich glaube nicht, daß sie wußten, wer ich bin. Nur indem sie mich in Zusammenhang mit dem Salzmeer im Hintergrund anschauten, schien ich sie zu interessieren. Möglicherweise hielten sie mich für einen Eingeborenen, für jemand, der in dieser öden flachen Küstenlandschaft geboren und von ihr geprägt worden war, was aber gar nicht stimmte. Ich hatte mich nur zufällig und auf der Durchreise dort befunden, und das war mir, wie ich klar erkannte, zum Verhängnis geworden. Eine Chance, in meine frühere Existenz zurückzukehren, bestand nicht mehr. Aus dem Album gab es kein Entrinnen. Ich war archiviert für alle Zeiten. Zu welchem Zweck jedoch würde ich, da mir jeder Ausblick und Überblick fehlte, vermutlich niemals feststellen können. Ich hatte mich mit meinem neuen Status abzufinden, und alles, was ich tun konnte, war, indem ich mich beim Öffnen des Albums auf mein Schicksal konzentrierte, dasselbe durch die Eindringlichkeit meines starren Blickes für sich selber sprechen zu lassen. Aber mehr als einen Kommentar über den Hintergrund, vor dem ich verrenkt zu posieren gezwungen bin, habe ich nie vernommen. Keine Hoffnung also. Ich bin, wo ich bin, und bin, wer ich bin, aber das nutzt mir überhaupt nichts mehr. Es wäre besser, ein anderer zu sein. Jeder andere wäre vorzuziehen, doch sobald man erst einmal derart fest fixiert ist wie ich, erübrigt sich künftig alles Weitere.

Fotografie II


Wer hinterläßt schon mehr als einen undeutlichen Schatten, der sich die Schuhe zuschnürt, vornübergeneigt, das Bein auf den Sockel einer Pumpe gestützt, mitten in Paris. Wie auf dem frühen Foto von Daguerre stellten sich die Alten im Altertum die Bewohner des Hades vor: Noch zu erkennen, aber nicht mehr körperlich berührbar. Der Aufenthaltsort der Abgeschiedenen von einst versank durch Unglauben und kehrte erst durch die Technik wieder: Atomisiert in unzählige Fotos seit Erfindung der Bromsilberplatte, etwas von der gleichen Trübseligkeit verbreitend beim Betrachten, wozu ehemals ein Besuch in der Unterwelt nötig schien, um auf sie zu treffen.

Bildnis Baudelaire


Wie er sich aus dem Rausch emporwindet oder zwischen den schwarzen Schenkeln hervor, triefenden Mundes und abwesend, mit unregelmäßigem Puls, mit letaler Energie, als hätte er einen Ruf vernommen, eher: einen Befehl. Welche Kraft, aus einer Trunkenheit sich zu erheben. Welche Kühnheit, aus dem brüchigen Bett aufzustehen, der Brüchigkeit seiner eigenen Knochen nicht achtend. Die ganze Sinnlosigkeit der Welt auf den Schultern am Schreibtisch Platz nehmen ohne zusammenzubrechen. Aber niemand nennt ihn Atlas. Dazu: Das Gesicht eines Gejagten und Genarrten, der nicht weiß, was ihm angetan wird: so zeigt ihn eine Fotografie. Seine Augen leben ihr eigenes Leben, wollen dringlich etwas mitteilen, wir verstehen es nicht oder doch nur im Rausch, zwischen den schwarzen Schenkeln vor der lachsfarbenen Öffnung einer alternden Negerin.

Der Spiegel

Fragt nicht, wer ich bin, ihr fragt umsonst. Sucht nicht in den Zeitungen meinen Namen. Nach dem Abdruck meiner Sohlen werdet ihr vergeblich ausspähen auf den lärmenden Plätzen. Wo die Wellen über euch zusammenschlagen, wild und ungleich euerm gezähmten Charakter; wo euch gegenübertritt die Gewalt mit dem Gewehr, bar der letzten Maskierung, in eurer letzten Stunde, da ihr euch erinnert der Welt, die ihr so verschlechtert habt, daß sie euch nur noch anspeien kann und nicht umfangen, bin ich bei euch, die in mir nichts anderes erkennen, als ihr eignes zerschlagenes Gesicht.

Ausgräber

Wie auf einer jener schon angegilbten Xylographien der Jahrhundertwende, auf denen Düsternis vorherrscht, der Himmel immer gewittrig oder abendlich gestimmt scheint und Bewegungslosigkeit die Grundlage alles Sichtbaren bildet, genauso habe ich von irgendwoher den Eindruck von zwei Gestalten, altfränkisch gekleidet, Spaten in den Händen und über eine Grube gebeugt. Doch ehe sie die aushoben, mußten sie Felsbrocken zur Seite wälzen, graue kantige Stücke, halb mannshoch, die jetzt ungeordnet umherliegen. Nun können die beiden Männer in die Öffnung der Erde hineinschauen, wir aber, wegen der Perspektive der schwarzweiß getönten Szene, leider nicht; wir müssen uns mit einigen keramischen Scherben am Rande begnügen und ihnen zufolge eine archäologische Entdeckung annehmen. Auch von den Gesichtern der Ausgräber, bärtige Profile bloß, läßt sich nichts ablesen. Freilich: der sichtliche Müheaufwand gibt die Wichtigkeit des Unternehmens zu erkennen, jede Scherbe bestätigt den Fundort: insoweit erhält der Betrachter Gewißheit über den Vorgang, von dem ihm jedoch das Ergebnis verborgen bleibt. Daher ist er sofort bereit, den Anblick aus Nichtverstehen als ein Gleichnis zu akzeptieren, um sich nicht genasführt vorzukommen; selber einen Sinn einzubringen, wo keiner kenntlich wird; was dem Leser ja auch dieser Text nahelegt: ebenfalls den Versuch, Nichtwissen auf die erwähnte Art zu heiligen.

Bild


Unter den Endzeitbildern ist das idyllische das meist ersehnte: Über den dunstigen Fluß hinweg der Blick in das erneut chaotische Grün, aus dem in Ufernähe Rauch aufsteigt. Das schafft den Glauben an ein Haus, das uns erwartet; an ein Mahl, das uns bereitet wird; an ein Bett, in dem wir geruhsam schlafen oder sterben dürfen, da alle Brücken gesprengt und wir in Sicherheit sind, Beamte, Polizisten, die Gespenster fremder Machart aber jenseits unserer Träume ihre Fäuste schütteln, lautlos, weil das rasche Strömen ihre Stimmen wegträgt, ehe sie über das Wasser gelangen und uns erneut erreichen können. Entkommensein – so der Bildtitel, unter dem wir uns immer porträtieren lassen möchten.

Leben in Bildern

(Notat zu C. D. Friedrich)
Ein ganz Anderer sein kann man nur in einer anderen Landschaft, vorausgesetzt sie ist zweidimensional: einzig unsere Ahnung kann sie ungehemmt und auch ungehindert betreten, so daß sie, die Landschaft, uns auf diese Weise ständig erhalten bleibt. In einem Bild von Caspar David Friedrich zum Beispiel sind wir allein, schauen weit hinaus bis zum Horizont, hinter dem, soviel haben wir schon erfahren, der stets wichtigere Teil verborgen liegt, der aber gänzlich unzugänglich ist. Kein Lufthauch rührt uns hier an. Die Natur befindet sich in einem Idealzustand: dem völliger Reglosigkeit: eine Schlafende, die, obschon wir mit ihr unmittelbar verwandt, uns seit einiger Zeit fremd wurde. Seitdem wir die Kunst erlernt haben, in Städten zu wohnen. Von da an haben wir den glückbringenden Umgang mit ihr immer mehr eingeschränkt: nun sind wir aus der Übung. Bloß noch ihre Abbilder eignen sich für unsere Flüchtigkeit und Fluchtsucht. In ihrer realen Gegenständlichkeit beunruhigt uns der Umstand, daß wir sie nicht berühren können. Wo wir uns ihr hingeben möchten, ist sie nicht mehr. Irgendetwas zerkrümelt unter unseren Fingern, was sie nicht sein kann und darf. Um sie zu erleben, denken wir uns um ihren Anblick einen Goldrahmen. Allein in ihrer abgelösten Erscheinung sind wir frei im Verhältnis zu ihr, da sie sich in anlockenden Farben ausbreitet, höchstens hier und da von (ebenfalls gemalten) Figuren begleitet, welche in den Werken des norddeutschen Romantikers uns meist den Rücken zukehren. Sie sehen uns nicht und sehen uns nicht an. Gebannt starren sie in die Ferne, auf einen Sonnenuntergang, auf einen Mondaufstieg, auf die vagen, kurz vor der Auflösung stehenden Phantome von Takelagen oder städtischen Silhouetten; gelänge es uns faktisch, neben die altertümlich gekleideten Gestalten zu treten und für andere Betrachter innerhalb des Rahmens sichtbar zu werden, wir würden den bereits Vorhandenen ähnlich sehen, säßen oder stünden ebenso da, die abgewandten Mienen entspannt und leer, sorglos und arglos, wieder zu Bestandteilen des Ganzen geworden, aus dem wir durch eigene Tüchtigkeit und Vernunft vertrieben worden sind: die Wahrheit dieses irreversiblen Vorganges wird bewiesen dadurch, daß wir immerfort lieber andernorts andre wären und am allerliebsten in Bildern selbst.

Piranesi


Ein Herumirren durch enge Treppenhäuser, verdächtiges Knarren der Stufen, ob sie mich noch tragen werden, Geräusche von sacht berstendem Mauerwerk und alle Türen ohne Namensschild natürlich und wie zugenagelt. Auch ist nirgendwo ein Klingelknopf, wie befürchtet, und kein Lichtschalter, und der Tag sinkt schon: so steige ich abwärts und aufwärts leicht bekleidet oder ganz nackt, schwarz auf vergilbtem Weiß, bis ich hinter einem Mauervorsprung, um den ich biege, entdecke, daß mich Piranesi in einem seiner Stiche gefangenhält. Doch ich ahne nicht, wozu und warum, und selbst nach hundert Jahren, nach zweihundert werde ich es nicht wissen und mir einreden, es geschähe einzig zu einem ästhetischen Zweck ohne jede weitere Bedeutung. Damit kann ich mich niemals zufriedengeben, und ich beneide Figuren, deren Anwesenheit in anderen Kupferstichen oder Holzschnitten oder Radierungen stattfindet, am meisten jene auf den Werken von Hogarth, da ihnen Trunksucht, Völlerei, Sexualität und Grausamkeit zugestanden sind – uns jedoch nur dieses sinnlose Auf und Ab auf leeren Treppen in leeren Gehäusen, halbzerstörten, vielleicht als vorausgesandte Demonstranten einer späteren Wirklichkeit, deren künftige Selbsterkenntnis uns nichts mehr nutzt: falls überhaupt jemals ein derartiges Wunder sich ereignen sollte: wir jedenfalls bleiben in die Vergangenheit gebannt und in die Kunst – doppelt gefesselt für alle Zeit.

Film

Ein kleiner Film, etwa im Stile Polanskis, zeigte uns einen Mann, friedlich, fröhlich, der ein hübsches Haus besitzt, Frau und Kinder, eine Anzahl zahmer Carrassius auratus L. (Goldfische), und der aus der Tür tritt, Luft zu schöpfen: rund ums Haus ist Wiese, blühend, blumenbunt. Ein Pfad führt vom Haus fort, auf den sich der Mann schlendernd begibt, hin und wieder die Hand über die Augen legend, den strahlenden Sommertag besser überschauen zu können. Als er schon ein ziemliches Stück Weges gegangen ist, sich umwendet, sieht er da hinten sein Haus liegen, darin die Familie, Carrassius auratus L., Möbel, Teppiche, Bücher, Erinnerungsstücke aus Holz und Porzellan (»Schenkst du aus diesem Krüglein ein/es wird dir wohl bekömmlich sein«) und dann: eine riesige schwarze Woge rollt aus dem Hintergrund heran, schlägt über Haus und Wiese zusammen, erreicht aber den Mann nicht mehr, verlangsamt sich fünfzig, sechzig Meter vor ihm und fließt im gleichen Tempo zurück. Unverändert farbig und gesprenkelt liegt der Boden da, nur ist er jetzt leer. Der Mann eilt den Pfad zurück, der dort, wo früher die Haustür gewesen, sich zu einem gelben Sandfleck inmitten des duften Grases erweitert. Wir sehen den Mann die Stelle mustern. Jetzt schüttelt er den Kopf. Nun legt er die Hand an die Stirn. Sogleich dreht er sich um und geht den Weg zögernd zurück. Rasch kehrt er sich noch einmal um, ob nicht plötzlich das Haus samt Inhalt zurück sei, aber: nichts! Er schüttelt noch einmal den Kopf; er kann einfach nicht verstehen, wieso die Wiese unbebaut ist. Er versteht es nicht und will es auch gar nicht verstehen! Endlich klopft er sich gar mit den Faustknöcheln an die Schläfe, als hülfe das was. Eine völlig unsinnige Geste, durch die er auf uns nur komisch wirkt: weil er sich dümmer anstellt als man sein kann. Wir würden lachen, sähen wir sein begriffsstutziges Gesicht in Großaufnahme im Stile Polanskis auf der Leinwand – als Vorfilm und am besten zwischen Werbung und Wochenschau.

Kinobesuch


Schau-Platz: nichts Wesentlicheres als ein Kinovorraum. Eben aufgetan die Doppelpforte, messinggefaßte Spiegelglasscheiben, Miniaturgeländer, ebenfalls Messing, anarchisches Gedränge vor der Kasse zu verhindern und eine geordnete Reihe zu garantieren. Es drängt jedoch niemand. Ein bewölkter Sommersonntagnachmittag fesselt Bevölkerungen an andre Stellen. Die Leuchtstofflampen, kaschiert, verbreiten gleichmäßiges Licht über das herkömmliche Dekor der Wände: aufrechtstehende Rechtecke, etwas wie purpurner Untergrund, mit goldbronzierten Tapetenleisten abgesetzt, naives Falsifikat der Grand Opera. In kastenähnlicher Kabine – der Kasse – hinter der Scheibe, deren Mitte durch ein gerahmtes Sieb durchbrochen ist, ohne daß dieses jene Millionen und Milliarden von Bazillen, die beim Sprechen freiwerden, aufhielte, sitzt auf einem einfachen Bürostuhl eine ältere Frau. Immer ist ihre Frisur wie frisch gelegt, immer trägt sie eine Brille oder wirkt zumindest, als sei ihr eine verschrieben. Die Finger reißen sorgfältig die lappigen Billetts von der Rolle und ziehen das Geld an sich: Noch kein Einlaß! Aschbecher, blecherne Schalen auf schlankem Bein, entfernte Verwandte des verstorbenen Sektkühlers, sind eben gereinigt worden und finden in Ecken Aufstellung. Schon wird der Stand für Süßigkeiten und Getränke unfeierlich eröffnet; eine jener älteren Weiblichkeiten, ihr Gesicht vom ständigen und sofortigen Vergessenwerden durch tägliche Menschenscharen geprägt, schließt eine rotlackierte Eisenschachtel auf, den tragbaren Tresor mit Nickelgriff auf dem Deckel. Ehe sie es sich versieht, stehen zwei Mädchen vor ihr, lassen sich Erdnußkerne in später unangenehm knisternden Beuteln reichen, bunt verpackte Schokolade und Wechselgeld. Ein Mann in kurzärmeligem Polohemd und Sporthose sitzt nun da auf einer samtbezogenen Bank vor dem falschen Kamin, über dem Liselotte Pulver, seltsam verfärbt und zärtlich lächelnd hängt. Eine elektrische Uhr weist daraufhin, sie werde bis zum Filmbeginn noch eine Menge Zeigerbewegungen vollziehen. Ein Ehepaar, vom spätgrauen Himmel Ungewittriges befürchtend, zieht sich gleichfalls in den Vorraum zurück, um sich in ein leises Gespräch zu vertiefen. Vermutlich legt der Vorführer in seinem abgeschiedenen Kämmerchen bereits den Film ein. Auch scheint durch den dämmrigen und mit dunklem Velour ausgeschlagenen Saal, von dem hier nichts zu sehen ist, sich eine weitere unjunge Person zu bewegen, um Duftstoffe zu versprühen oder letzte Hand an irgendetwas zu legen, was nur sie für noch ungeordnet und unfertig hält. Mit nervöser Geduld erwarten die Besucher, endlich zu den Sesselreihen vordringen zu dürfen. Inzwischen ist ein Mann aufgekommen, man weiß nicht wie, völlig unbemerkt oder war er nicht schon draußen um uns, ein Spanner vielleicht, er ist da und zieht durch sein Verhalten verwunderte Blicke auf sich. Sein kleiner Kopf weist eine Haartracht auf, die seine gute Kleidung widerlegt: übers Schädeldach gestriegelt, ungeschnitten auf den Kragen anstoßend, wie mit einer stockigen Substanz zusammengebacken: Zuhältertolle klassischer Mode, älteren Fotodokumenten zufolge. Eine kleinwüchsige Gestalt und jetzt vor dem Süßigkeitenstand. Die Züge knittrig, verzieht er sie, als ob er spricht oder lacht, doch das wird nicht klar. Möglicherweise ist er uns aus einem mysteriösen Grunde nachgegangen, nachgekommen, immerhin: noch ignorieren ihn die Anwesenden, schauen zur Seite, bereits ihrer maßvollen Neugier wegen verlegen, aber aus den Augenwinkeln oder wenn sie sich umwenden, stellen sie fest, der Kleinwüchsige liegt unvermittelt auf dem Terrazzo des Vorraumes. Er verzieht erneut das Gesicht, als ob er darüber erheitert sei. Lacht er wirklich? Auf den rechten Ellenbogen gestützt, ruht er auf der Seite, die Beine leicht angewinkelt, in jener berühmten und bequemen Pose, welche Römer des Augusteischen Zeitalters auf ihrem Lager während des Speisens zeigten. Dazu vollführt die Linke unsinnige Gesten in der Luft. Ist er betrunken? Mit leisem Unbehagen betrachten ihn die Besucher. Liest man nicht dauernd in den Zeitungen von Ausländern, die aus ihrer Heimat hierorts legendäre hochinfektiöse Krankheiten einschleppen? Man sieht hin und sieht wieder weg. Wüßte man nur, worum es sich hier handelt. »Was wollen Sie?« fragt schließlich die Süßigkeitenverkäuferin den Mann am Boden, und weiß nicht, ob er sie versteht, zurückgrinst oder unter starken Schmerzen seine faltige Miene verkrampft. Nun werden die Flügeltüren zum Saal geöffnet. Dämmerung wird sichtbar. Ist er in einem Drogenrausch oder stirbt er etwa? Das Zögernde und Ungelenke, da er sich auf dem Boden windet oder sich zu erheben versucht, wirkt auf alle peinlich. Man fährt in der leisen Unterhaltung fort und blickt am besten Liselotte Pulver an oder Romy Schneider oder Peter Alexander, deren Verhalten einwandfrei ist. »Sanitäter!« sagt der Mann mit schwerer Zunge: »Sanitäter!« und auch das drückt nichts Eindeutiges über seinen Zustand aus: ein Kranker würde einen Arzt fordern, vielleicht um Hilfe rufen, aber Sanitäter? Das ist ungewöhnlich. »Sind Sie krank?« fragt die Inhaberin der Näschereien und verkauft ein Beutelchen »Studentenfutter«. »Sanitäter!« »Soll ich einen Rettungswagen rufen? Ich rufe gleich einen Rettungswagen!« Und da das Telefon, einziger unverkäuflicher Gegenstand auf dem verlockenden Bord, direkt vor ihr auf Benutzung wartet, ruft sie sogleich einen Rettungswagen. Der Mann am Boden grient oder verendet. Er scheint alle anzusehen und niemanden zu erblicken. Eventuell simuliert er bloß, um Aufmerksamkeit, die ihm sonst niemals zuteil wird, ein einziges Mal aufsichzuziehen. Falls er nicht jemand bis hierher verfolgt hat, uns etwa, die sein blinder oder raffinierter Blick streift. Ist er verrückt? Ist ein Anschlag auf das Kino geplant, und er vorausgesandt, unsere Wachsamkeit abzulenken? Wird er eine Bombe aus der Tasche ziehen? Ein Terrorist? Ein betrunkener, verrückter, gedoppter, todkranker Terrorist? Da liegt er, ohne sichtliche Verletzung und Biographie, ohne erkennbaren Platz in der Gesellschaft, und das ist so unheimlich wie undurchsichtig. Hinter der Leinwand setzen die Lautsprecher ein, Musik ertönt, »Winchester Cathedral«, heiter und mit beschwingtem Rhythmus. Es wird in den Telefonhörer gesprochen. »Der Rettungswagen kommt gleich!« meint die Verkäuferin zu allen, die es hören wollen, auch zu dem am Boden, der irgendetwas mit der Hand entgegnen will, indessen die Kinobesucher, ich und du, unsicher, was sie von dem Vorgang halten sollen, langsam zum Einlaß schlendern, wo sie ihre Karte vorweisen, um sogleich, nachdem sie in den weichen Sessel versanken, aufmerksam den Abenteuern des Schauspielers Belmondo zu folgen, der von einer ganzen Mörderschar gejagt wird.

Kurze Beschreibung eines Moments der Ewigkeit vor einer Pornofilmmaschine – Einwurf eine Mark



Es gilt, die Stirn in eine zu ihr passende Plastikform zu drücken und die Augen an eine Scheibe, hinter der, nach Einwurf der Münze, die schwarze quadratische Fläche sich sofort bunt belebt, ohne daß auf den ersten Blick erkennbar würde, was vorgeht. Aus dem Ohrhörer, schaumgummigepolstert, schallt Geröchel und Geschrei, Ausrufe, kaum verständlich, verschrammte Stimmen, zerkratzte Töne, der Vermutung zufolge von diesen enorm farbigen Leibern hervorgebracht, die, wenn man den Aspekt ausschaltet, das habe früher der Fortpflanzung gedient, in einer völlig unbegreiflichen Mechanik sich abmühen: Körperteile mit der Hand bearbeitet, als würden sie blankgeputzt, oder von der Zunge, als gäbe es hier das wahre Manna des Paradieses, in welchem man sich ja ebenfalls unbekleidet aufhielt. Finger fahren ungeniert in Öffnungen, unter ansteigendem Gelärm, das dazu zwingt, den Hörer vom Kopf entfernt zu halten. Mädchen und Frauen nicken mit den Häuptern vor sich hin, wie die chinesischen Götzen aus Porzellan, die Münder aufgerissen und vollgestopft, wie früher im Salon auf einem Beistelltischchen. Die vorhandene Anatomie wird aufgeklappt, als würde eine Lektion erteilt: die Lehre vom Bedeutungsverlust eines Tuns, sobald es der Ursprünglichkeit entrissen und zu einem Teil der Apparatur geworden ist, darinnen es sich dreht bis zur endgültigen Abnutzung, wieder und immer wieder, und wenn das Licht in dem Kasten erlischt, die lädierten Stimmen abrupt verstummen, plötzlich die Feuchtigkeit der Stirnstütze sich bemerkbar macht, verlangt der Blick aus aufgerissenen Augen trotzdem nach mehr, nach Fortsetzung des eigentümlichen Geschehens, obwohl es doch so unglaubhaft wirkt wie ein Ballett oder die brüderlichen Umarmungen, die Politiker einander und ihren Völkern vorführen. Es fehlt die Wahrheit, die die Kraft hätte, in den Betrachter einzudringen, zur dauerhaften Intoxikation, denn nur Wahrheit kann Vergiftungen hervorrufen. Hier jedoch erscheint keine Beständigkeit, keine Ewigkeit, diese zähe, unzerstörbare Substanz, unbemerkt von den Gestalten vor den unaufhörlich ihr Innerstes präsentierenden Geräten, die jedem nichts geben, was über den Wert des Geldstückes hinausginge, das sie ihm aus der Hand weggefressen haben.


Matthias Kankas Illustrationen zu „camera obscura“ G.KUNERT, eine kritische Würdigung von C.L.